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One Fifth Column

Null ist ein Projekt, an dem ich gefühlt mein ganzes Leben geschrieben habe. Alles was ich gelernt habe über Musik, Technik, Schreiben, Produzieren und das Musikbusiness in all seiner Faltigkeit wurde hier bis aufs Letzte ausgereizt, und hinten raus kam 2015 ein Album, das physikalisch als 190-seitiges Hardcoverbuch veröffentlicht wurde. Das Buch ist eine Novelle, die eine komplementäre Geschichte zum Album erzählt, und mitsamt der Musik bald hier auf null.bandcamp.com zu finden ist. Alle weiteren Infos zu diesem Projekt findet ihr hier auf facebook.

Es folgt das erste Kapitel als kleine Leseprobe.

 

     7 Jahre liegen sind genug. Das Fleisch wird wund, die Sicht ist eingeschränkt, und irgendwann hat auch der letzte Käfer rausgefunden, dass da jemand liegt. Ich hasse Käfer. Aber irgendwas muss man ja essen, wenn man unbewegt auf dem Boden liegt. Wer jetzt mit dem Spruch mit Teufel und Fluginsekt kommt, hat noch keine Fliege gegessen. Wie dem auch sei, ich habe ausgelegen. Warum ich überhaupt liege, nun, dafür gibt es Gründe. Bin ja eh schon am Erklären. Easy.

     Ich war schon immer mit einer gewissen Unruhe gesegnet. Selbst an Tagen, die nach ausreichend Schlaf mit hinreichend Kaffee begannen, dann gemütlich in den Trott kamen und mit lauter schönen entspannten Tätigkeiten für mich gesegnet waren, fragten mich Leute oft, was ich denn grad für einen Stress hätte, ich sähe so gehetzt aus. Ich hatte mich da meistens ganz gut gefühlt, und das darum ignoriert, aber eigentlich hätte ich das als Warnung nehmen sollen. Während mir nämlich mein Leben zwar als ein bisschen anstrengend, aber sehr erfüllend vorkam, hatte mein Schlaf da eine andere Meinung dazu. Hat dann mit mir Schluss gemacht und mich einfach im Regen stehen lassen.

     Das ging eine Weile gut, mehr Zeit um Sachen zu machen, yey, aber nach ein paar Monaten baute ich nervlich ziemlich radikal ab. War eher ungut. Der Höhepunkt davon war dann, dass ich anfing, mir einzubilden, ich spürte die Rotation der Erde. So mit Schwindel und Fahrtwind und dem ganzen Mist. Eineinhalb Tausend Kilometer in der Stunde. Eine Scheiß-Superpower wenn man mich frägt, und eine die müde macht. Schrecklich müde.

     So müde und so dauerschwindelig, dass ich einen radikalen Tapetenwechsel erwirken musste, um wieder runterzukommen. Und dafür musste ich erst mal rauf. Drei Wochen Berghütte hätten das eigentlich lindern sollen. Schädel lüften, Hirn auf die Wäscheleine, entschleunigen. Nach zwei Monaten davon war ich aber immer noch nicht wieder ganz, und so müde ich auch war, der Schlaf kam nur hin und wieder mal vorbei, wenn er sonst nirgends unterkam. Das machte das Schwindelgefühl noch viel schlimmer, und so begab ich mich dann auf Dauertuchfühlung mit dem Boden, weil nur so die Welt endlich mal ein bisschen leiser drehte.

     Ich liege jetzt hier ja schon eine ganze Weile, und der einzige Grund für mich länger hierzubleiben wäre, wenn der Schlaf endlich mal wieder vorbeikommt. Wird er aber so schnell nicht; der ist mal wieder saufen, und kommt erst heim, wenn es wieder hell wird. Und wie ich so in mich hineinfühl, wie‘s mir damit geht, merke ich, dass es einfach reicht.

     In mir gärt eine Unruhe wie der nächste Brechreiz bei einer Lebensmittelvergiftung. Schnauze voll, bis Oberkante Unterlippe. Diese Unruh, die jetzt eine ganze Weile in mir geschlummert hat, durchzuckt mich wie ein körperfüllender schwarzer Aal, wirft mich auf die Seite als wär ich nur die Haut außen rum. Zuckt nochmal, und nochmal, und schließlich knie ich das erste Mal seit Jahren, zwar noch mit der Stirn am Boden, aber immerhin.

     Freudige Erregung und Schwindel tanzen Walzer. Durchatmen, Kopf heben, aufstehen. Im Nu bin auf den zittrigen Beinen und frage mich, was zur Hölle eigentlich ein Nu sein soll. Wie lange dauert ein Nu, wie sieht er aus, und welchen Mist brabbeln wir eigentlich den ganzen Tag dahin, ohne auch nur einmal innezuhalten und drüber nachzudenken. Ich ersticke den Gedanken aber postwendend im Keim, mir steht das ganze Gedenke bis hier. In meinen horizontalen Jahren hatte ich dazu mehr als genug Zeit. War ja nicht allzu viel Gelegenheit zur Konversation. Das erlaubt den Gedanken mehr Freilauf als gut für sie ist.

     Es folgt, nur zur Illustration, ein eher akademisch anmutender Auszug aus meinem Tagebuch, man kann an dem schwurbelig ausufernden Stil recht gut nachvollziehen, warum ich von übermäßiger Reflexion die Schnauze grade restlos voll habe:

Vom Schlafe

     Hinlänglich als minder mobil bekannt, bietet die horizontale Körperhaltung einen eher überschaubaren Handlungsspielraum zur freien Erschließung des Räumlichen. Lediglich drei Optionen bieten sich:

     Zuoberst (1), die mehr oder weniger stabile seitliche Lage, die je nach Beschaffenheit des Terrains nur wenig Ausblick, aber eine Ahnung vom umgebenden Gelände bietet. Daneben verbleiben die Extremformen (2) (Gesicht nach unten) und (3) (Blick nach oben), welche sich bei zwar im Sichtkreis, nicht aber im Wirkungskreis voneinander unterscheiden; der mit dem Antlitz nach unten gelagerte Körper kann sich, mangels Sicht, nur in die Innenwelt zurückziehen und die Äußere weder akkurat wahrnehmen, noch auf sie adäquat reagieren.

     Lenkt man jedoch seinen Sichtkreis nach oben, wird aber das eigentliche Dilemma erst offenkundig: Nun kann zwar das Geschehende wahrgenommen werden, aber durch die schwerst eingeschränkte Mobilität kann aus der Reflexion des hier bewusst Erlebten keine Aktion entstehen.

     Eine alles in allem ziemlich frustrierende Scheißhaltung, wenn sie auch auf den ersten Blick gemütlich und erstrebenswert scheinen mag. Auf eine alsbaldige Beendigung jedweder Form dieses horizontalen Zustandes ist hinzuarbeiten, es sei denn, man gibt sich der Position mit der glühenden Hingabe des besinnungslosen Schlafes hin.

     Der eben dem Ende hin angesprochene Schlaf aber, die alte Wutz, der hatte die letzten Jahre das höchste Leben. Halt ohne mich. Natürlich werde ich, wie jeder andere Mensch, nach einer hinreichenden Anzahl von Stunden, ohnmächtig und das Licht im Köpfchen geht aus, nur um ein paar Stunden später wieder anzugehen. Aber mit echtem Schlaf, so mit Erholung, Träumen, wohligem In-die-Decke-kuscheln hat das bei mir so viel zu tun, wie einsam weinend wichsen mit ner liebevoll kuschligen Runde Hippiegruppensex.

     Mein Schlaf und ich haben seit längerem eine seltsame Beziehung, aber irgendwann ist es halt ins Groteske gekippt. Großes Drama, viel Geschrei, viel Versöhnen. Dann ein letzter Riesenstreit auf der niedrigsten Ebene unter der Gürtellinie, und seitdem herrscht Funkstille, unterbrochen von kurzen Episoden, die wir beide gleich wieder bereuen. Ich hatte dann auch davon irgendwann die Schnauze voll, kam mir vor wie ein vollgeschwitztes Hemd, das er sich anzieht, wenn er sonst nix hat. Er kam trotzdem immer wieder mal. Nur blöd für ihn, dass ich dieses Mal nicht mehr da sein werde, wenn er zur Tür reinpoltert.

     Dafür muss ich aber erst mal wieder schaffen, aufrecht zu stehen, ohne dass mir dauernd die Knie wegkippen. Ich könnte mir was anziehen. Oder es auch bleiben lassen. Im Moment genieße ich die neue Perspektive viel zu sehr, um mich von sowas Weltlichem aufhalten zu lassen. Ich sollte mich eh mal waschen. Also so richtig. Und zwar dringend. Kaum liegt man ein paar Jahre rum, riecht man wie ein Iltis, Potztausend aber auch. So vor mich hin sinnierend massiere ich langsam ein bisschen Leben in meine kalten Glieder zurück, öffne die Tür und trete mit blankem Hintern ins Freie.

One Fifth Column

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